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Daniel Jackson
Weltenbummler



Anmeldungsdatum: 10.10.2004
Beiträge: 6269

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BeitragVerfasst: Fr Jan 04, 2013 19:12  Titel:  Reisebericht Palästina "Come in, we're closed"  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Vorbemerkung: Ein Freund von mir war neulich in Palästina unterwegs, es war seine erste Reise in die Arabische Welt. Ein ganz normaler junger Student, ziemlich ohne irgendeine Vorbelastung im Nahostkonflikt und ohne irgendwelche persönliche Verbindungen in diese Ecke der Welt. Ich fand seinen Reisebericht so interessant, dass ich fragte, ob er hier eingestellt werden kann. Hier die anonymisierte Fassung. Immer spannend, mal einen Blick über den ägyptischen Tellerrand hinauszuwerfen.



Im Herbst 2012 habe ich mit zwei Verwandten eine 10-tägige Reise nach Palästina, in die von Israel besetzten Gebiete gemacht. Was habe ich von Palästina erwartet und warum bin ich hingefahren? Beides weiß ich nicht mehr so genau. Ich dachte, ich träfe auf eine ärmliche Region mit einer typisch muslimischen Gesellschaft. Dass man die Beschreibung einer typischen muslimischen Gesellschaft ja nur aus den Medien kennt und daher das Bild sehr verzerrt ist, ist auf der Reflexionsebene klar, aber ein anderes Bild hatte ich nun einmal nicht.

Die Atmosphäre, die die Fahrt die meiste Zeit hatte, beschreibt vielleicht ein Erlebnis am ersten Tag in Palästina. Wir sind von Jerusalem nach Ramallah gefahren, der Hauptstadt Palästinas. Um dorthin zu gelangen nahmen wir ein Taxi (Hauptfortbewegungsmittel in Palästina, ziemlich günstig), passierten in Jerusalem einen Checkpoint (Fußnote 1) hatten eine kleine Fahrt durch die sehr bergige, karge und mit Olivenbäumen bepflanzte Landschaft. In Ramallah selbst herrschte Trubel. Bevor wir weiter in das kleine Dorf zum übernachten fuhren, wollten wir eine Kleinigkeit essen und gingen in eine Art Dönerladen. Falls ihr gerade keine Vorstellung von der Stadt habt: sie hat gut 200 000 Einwohner, es gibt jede Menge Läden, Werbetafeln, Straßen und auch sonst alles was man so kennt. Im Dönerladen selbst haben wir im oberen Stock gegessen, meine Begleiter waren dann bereits unten und bezahlten, während ich die Rucksäcke packte. Am Nebentisch saß ein älterer Mann mit seiner Frau, beide wirkten so traditionell muslimisch halt. Als ich an ihrem Tisch vorbei ging sprach er mich an, wo ich herkomme. Ich erzählte, brav dass ich aus Deutschland bin, er war total begeistert weil einer seiner Söhne in Stuttgart wohnt und er lud mich spontan zum Essen ein. Leider mussten wir gleich weiter, aber diese spontane Freundlichkeit, bei der man (bis auf wenige Ausnahmen) nie das Gefühl hat, das sie aufgesetzt war, zog sich durch die ganze Reise. Wir haben bei verschiedenen Familien, die einer meiner Begleiter kennt, übernachtet, und diese schienen sich regelrecht darum zu streiten bei wem wir nun wie oft schliefen und aßen und alle beschwerten sich dass wir nur so kurz blieben. Die Leute hatten alle unheimlichen Spaß an Gesellschaft, am Teilen und sich gegenseitig was Gutes tun.

Am stärksten war diese Gastfreundschaft beim älteren Besitzer der Olivenfelder, den wir besuchten und bei der Ernte helfen wollten. Sowohl er als auch seine Frau bekundeten, mich wie einen Sohn zu beherbergen und seine Frau meinte immer, wie sehr ich sie an ihren Enkel erinnern würde.

Typischer Dialog:
Olivenfeldbesitzer: “Eat something, don't feel shy.”
Ich: “Ooh, I had already three...”
Olivenfeldbesitzer (lächelnd): “Eat more. Here, try this one. It's delicious!”

Religiös schienen die beiden eher liberal zu sein, seine Frau betete nach dem Muezzinrufen (nicht SOFORT danach, nach ca. 5 Minuten meinte sie dann so „I will go pray“ und betete dann halt am Rand.) Ihn selber habe ich nicht so oft dabei gesehen, als es mal auf das Thema kam meinte er: “You want to pray, you pray. You don't want to pray, you don't. Everybody his own style.”

Am nächsten Tag kamen noch vier Leute zu Besuch, mit denen er am übernächsten Tag auf die Olivenfelder fahren würde, Freiwillige die helfen wollen. (Fußnote 2). Die waren alle so 27 – 29, kamen ursprünglich aus Europäischen Ländern und lebten entweder in Palästina oder waren auf Durchreise. An diesem Abend musste ich mit dem Taxi in den Ort Azoon fahren, als wir wieder herausfahren wollten hatten Israelis am Ortsausgang eine Straßensperre errichtet. Mehrere ihrer gepanzerten Autos und Soldaten standen dort, während sich eine lange Schlange von palästinensischen Autos davor gebildet hatte. Zwei Soldaten gingen herum und kontrollierten zufällig mal dieses und mal jenes Auto und diskutieren mit Leuten. Mein Fahrer meinte zwar, dass das nichts Besonderes ist und die das halt ab und zu machen. Mir fiel siedend heiß ein, dass ich meinen Pass und Perso nicht dabei hatte. In meine Sorge, was passiert, wenn ich ohne irgendwelche Papiere angetroffen werde, mischte sich Ärger, warum die Soldaten diese Kontrolle machen, da offenbar nichts passiert ist und sie auch offensichtlich nicht an einer schnellen Abwicklung interessiert sind sondern sich gut Zeit ließen. Glücklicherweise stoppten sie ihre Kontrolle bevor sie zu unserem Auto kamen und wir konnten weiterfahren. Als ich wieder zurück bei den anderen Freiwilligen war, entstand ein Gespräch zwischen mir und Anna, die seit einigen Jahren in Palästina lebt und deren Worte ich nicht vergessen kann:

Ich:„I only got stuck there for 20 minutes and am still angry about the soldiers. I can somehow understand, that, when someone grows up in this occupation, you kind of learn to... hate the Israelis.“
Anna, schaut traurig in die Nacht zu den nicht allzu fernen Lichtern der Mauer und zu den dahinter liegenden Lichtern der israelischen Großstadt Tel Aviv): „Well... welcome to 'Occupy Palestine'“


Ein großes Problem und Dorn im Auge der Bevölkerung ist neben der Besatzung die gezielte Ansiedlung von jüdischen Siedlern auf palästinensischem Gebiet. Diese leben in sogenannten Settlements, abgeschottet, mit einer Mauer umzäunt und werden von Soldaten bewacht. Die Bevölkerung in diesen Siedlungen ist, zumindest laut Reiseführer und meiner arabischen Bekannten, aus 2 Arten von Leuten zusammengesetzt: arme Einwanderer jüdischen Glaubens aus allen Teilen der Welt, die mit dem sehr steuerbegünstigten Leben in die Siedlungen gelockt wurden, sowie religiösen Fanatikern bzw. ultra-orthodoxen, die überzeugt sind, dass sie ein Anrecht auf dieses Land haben und für die muslimische Bevölkerung nur Hass übrig haben. Dies manifestiert sich in Steinwürfen auf Schulkinder, in der Zerstörung von Olivenhainen, Ableitung von Müll und Gewässern in das umliegende palästinensische Gebiet, Diebstahl, selten Mord... alles in einem quasi rechtsfreien Raum, da sie von den Soldaten beschützt sind.

Um die Größenordnung darzustellen: in Palästina leben so 4 – 6 Millionen Muslime, und in den Siedlungen leben so 500 000 Juden, davon 200 000 in Ostjerusalem (geteilte Stadt an der Grenze). Da die Settlements auch Platz brauchen und Israel mit dem Mauerziehen gerne etwas großzügiger ist, sprechen Palästinenser offen von Landraub und Vertreibung.

Das klingt so alles irgendwie freakig, es fühlt sich aber noch viel freakiger an wenn man mit einem Taxi durch die Landschaft fährt und dabei an diesen Siedlungen vorbeikommt. Ich hätte gerne mal in so einer Siedlung ein paar Tage verbracht um mir die andere Seite anzuhören, aber als palästinensischer Touri wird man da nur schwer reinkommen. Es gibt laut Reiseführer allerdings auch organisierte Reisen in manche Siedlungen, nur sollte man da tunlichst vermeiden zu erwähnen, dass man vorher in den besetzten Gebieten war.

Die bereits erwähnten Checkpoints sind ebenfalls sehr problematisch. Da viele Palästinenser, die dann tatsächlich eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, in Israel arbeiten, müssen sie täglich einen Checkpoint passieren. Je nach Größe und je nach Schnelligkeit der Soldaten kann das mehrere Stunden dauern, wir passierten einen Checkpoint an dem die Menschen so gegen drei Uhr früh anfangen anzustehen damit sie um 6, wenn der Checkpoint öffnet, als erste durch sind. Diese Strapazen haben wir Europäer nur einmal im Jahr, wenn das neue iPhone kommt. Unlustig. Als wir anstanden waren nur sechs Leute vor uns (wir kamen ja am Nachmittag). Hintern uns kam noch ein älterer Mann der offensichtlich Probleme mit dem Rücken hatte und sich ständig irgendwo anlehnte. Wir ließen ihn vor, genau wie alle vor uns, damit er schnell durchkommt. Leider war das der Soldatin an der Kontrolle nicht recht, die ihn wieder ganz ans Ende, noch hinter inzwischen neu dazugekommene schickte. Warum? War unklar, ich vermute mal „Security reasons“...

Ich habe übrigens während der gesamten Fahrt nur etwa zwei oder drei Frauen gesehen, die eine Burka trugen. Ansonsten herrschte zwar eindeutig das Kopftuch vor, es liefen aber durchaus so 20-30% von Frauen ohne herum, teilweise auch westlich gekleidet. Das unterschied sich aber sehr von Region zu Region. Ein Mädchen das ich an der Uni in Nablus kennengelernt habe, meinte darauf angesprochen: „I know my role in society, and I know my role in religion. And I think I can handle both.“ Was meine Frage nicht beantwortete, nur schien sie ganz gut damit klarzukommen und hatte während des Tages an der Uni einen Heidenspaß dabei, ihre männlichen Mitstudis zu verbessern, weil deren Englisch deutlich schlechter war als ihres. Ansonsten war mein Eindruck, dass das Kopftuch ein Stück weit überbewertet wird, bzw. nichts über eine Person aussagt und die ganze Diskussion in Deutschland nicht wert gewesen ist. Auch kopftuchbekleidete Frauen sprachen uns selbstbewusst an wo wir herkommen und ob wir auf Reisen sind oder gehen Hand in Hand mit ihrem Freund (nein, höchstwahrscheinlich nicht Freund, sondern Ehemann) spazieren. Sollte eigentlich klar sein, ich muss aber zugeben dass sich das Bild der „Kopftuchfrau“ = „Rückständig & religiös bedingt unterwürfig“ der Medien zumindest soweit bei mir gefestigt hat, dass es mir auffiel.

Spannend: Eine Palästinenserin die eher international unterwegs ist, die glaub ich Doktorin in irgendwas war, meinte, dass die Kopftücher seit dem 11. September 2001 massiv zugenommen haben. Vorher sei es eher unüblich gewesen. Ihrer Ansicht nach ist das eine Reaktion auf die „Sicherheitspolitik“ der USA auf die Anschläge und die Dämonisierung des Islams durch den Westen, auf die mit einer „jetzt erst recht, wir grenzen uns ab“- Mentalität geantwortet wurde. Ob das so stimmt kann ich schlecht prüfen, sie und ihr Mann waren aber auch die einzigen mit denen wir so direkt über die Thematik geredet haben (waren beide sehr links-liberal, westlich gekleidet).

Was deutlich befremdlicher war: In der Moschee in Hebron liefen viele Leute mit iPhones und iPads herum und zerstörten damit die schöne traditionell-religiöse Atmosphäre. Was allerdings auch die israelische Überwachungskamera tat.

Vor dem Rückflug hatten wir einen Tag und eine Übernachtung in Tel Aviv, einer der größten Städte Israels und selbst erklärte Nacheiferin New Yorks (wirkt nach Selbstbetrachtung und Reiseführer aber eher wie Miami). Da stand ich nun, noch Staub der Olivenfelder in der Kleidung, zurück in der Welt der Malls und Konsumtempel, statt Soldaten gab es nervend viele Militärflugzeugflüge (vielleicht war deshalb unser Hotel so günstig) und es fühlte sich an wie Feindesland. Und ein bisschen wie Verrat an all den Menschen die wir getroffen und deren Geschichten wir uns angehört haben. Wir können gehen und machen einen Zwischenstopp bei ihren Besatzern, die bleiben und warten darauf, dass die Besatzung irgendwann endet.


Fußnoten

[1] Checkpoint: Da Israel die Palestinensischen Gebiete besetzt hat, haben sie auch die militärische Hoheit hier und zum Schutz ihres Landes einen Schutzwall an der Grenzen der beiden Länder gebaut. Schutzwall klingt niedlich, das Teil ist so 6 – 8 Meter hoch, hat Stacheldraht, Bewaffnete Soldaten und Wachtürme. Guten Morgen Berlin. Checkpoints sind Durchgänge, an denen man durch die Mauer kommt, mit Metalldetektoren, ggf. kurzen Durchsuchungen, Gepäckdurchleuchtungen etc. und natürlich nur mit Erlaubnis falls man Palästinenser ist. Mit europäischem Pass hatten wir keine Probleme. Checkpoints gibts es jedoch nicht nur an der grenze, sondern auch im Land selbst und sogar in einigen Städten wie Hebron.

[2] Warum braucht er für für seine Olivenfarm Freiwillige, obwohl in Palestina hohe Arbeitslosigkeit herrscht? Weil er um auf seine Felder zu kommen durch einen Checkpoint muss, und viele der Leute die für ihn arbeiten wollen keine Erlaubnis zum passieren bekommen. Warum? „Security Reasons“

_________________
Autor des Reiseführers "ÄGYPTEN - DAS NILTAL von Kairo bis Abu Simbel"
Geschichten aus und über Ägypten: Toms-Notes.com

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Jana_Luxor
Gast






BeitragVerfasst: Fr Jan 04, 2013 22:00  Titel:  (Kein Titel)  Antworten mit ZitatNach untenNach oben

Danke DJ und besonders an Deinen Freund.

Ja, das ist mal ein anderer Reisebericht. Ich hätte diese Reise nicht gemacht - aus Angst vor der politischen Situation. Ich denke aber, dass die Eindrücke auf Deinen Freund sehr tiefgehend waren und er lange davon zehren wird.


  
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