Lasst Euch bitte durch die Textmenge nicht erschlagen.

Vorwort:
Alle Fakten im folgenden Text beruhen auf eigenen Erfahrungen, verlässlichen Quellen, aber auch Gesprächen mit betroffenen Personen. Da es sich um ein heikles Thema handelt, sind diese Quellen hier nicht genannt, um niemanden in Probleme zu stürzen. Dem Autor sind sie jedoch bekannt.
Trotz größter Sorgfalt bei der Recherche können sich inhaltliche und sachliche Fehler eingeschlichen haben, für die keine Verantwortung übernommen wird, die aber gern berichtigt werden.
Bitte beachtet, dass dieser Text ausschließlich das Problemfeld "Sextourismus" beleuchtet. Er bezieht sich daher auf eine glücklicherweise relativ kleine Personengruppe und darf keinesfalls verallgemeinernd verstanden werden. Die unter dem Kürzel "BezNess" bekannte Problematik wird hier nicht betrachtet, da sie ein vom Sextourismus zu unterscheidendes Phänomen darstellt.
Copyright auf den gesamten Text, aber auch Textausschnitte liegt einzig bei mir. Falls Ihr den Text oder ein Teil davon in irgendeiner Form verwenden wollt, bitte ich um vorherige Rücksprache.
Viel Spaß beim Lesen, ich freue mich auf eine interessante Diskussion, eigene Erfahrungsberichte und die ein oder andere kritische Anmerkung.
Schatten über dem Land am Nil
Schönes Wetter, schöne „Steine“, nette Menschen – so kennen wir Ägypten. Doch auch in Land am Nil ist nicht alles Gold was glänzt, wer genauer hinschaut kann die Probleme nicht übersehen, die zwar offiziell nicht vorhanden, in der Realität aber sehr wohl existent sind.
Da eine umfassende Diskussion alle Probleme schier unmöglich ist, soll es hier „nur“ um den Problemkomplex des Sextourismus gehen. „Nur“ ist reichlich untertrieben, denn allein darüber könnte man komplette Habilitationen schreiben. Der Problemkomplex unterteilt sich in drei große Bereiche, den salopp formulierten „Rentnerinnenexport“, den schwulen Sextourismus à la „Banana Island“ und die Kindermissbrauch. An dieser Unterteilung werden wir uns orientieren, da trotz vieler Gemeinsamkeiten doch größere Unterschiede bestehen.
Unter dem Stichpunkt „Rentnerinnenexport“ fasse ich ein auf den ersten Blick unsichtbares Problem zusammen, welches sich von den beiden anderen Problemen doch ziemlich unterscheidet. Ich verstehe darunter die Tatsache, dass sich ältere europäische Damen, die, drastisch gesagt auf dem europäischen Dating- und Heiratsmarkt keine Chance mehr haben, ihr Glück in Egypt versuchen. Ebenso zählen aber auch jüngere Frauen, vor allem aus Osteuropa dazu.
Jede Nachfrage schafft sich ihr Angebot und so hat sich z.B. in Luxor quasi ein neuer Berufsstand der Prostituierten gebildet. Männlich, 18-30 Jahre jung und mehr oder weniger gutaussehend sind Attribute, die angesagt und nachgefragt sind. Es winkt das schnelle Geld, wer Glück hat und eine längerfristige „Beziehung“ aufbauen kann freut sich über ein neues Haus, einen neuen-alten Benz und das ein oder andere Extra, welches Mann sich mit einer „normalen“ Beschäftigung mit Sicherheit nicht leisten könnte.
Nun kann man über Prostitution denken was man will, schließlich handeln die jungen Ägypter zwar gesetzeswidrig aber freiwillig, wenngleich man natürlich die Situation im Kontext von Arbeitslosigkeit, Armut und niedrigen Löhnen sehen muss (Hintergrund: Arbeiten in Ägypten). Der „Rentnerinnenexport“ stellt also nicht zwangsläufig ein Problem dar.
Leider beschreiben die Begriffe männlich, 18-30 Jahre alt und mehr oder weniger gutaussehend auch einen anderen Berufsstand, nämlich den typischen ägyptischen Hotelangestellten. Diese Personengruppe fällt damit genau ins „Beuteschema“ der älteren Damen. Hier beginnt das eigentliche Problem, sicher wird der eine oder die andere von Euch schon einmal eine ältere Dame auf „Beutezug“ beobachtet haben. Dabei nutzen diese geschickt die Tatsache aus, dass es in Ägypten nicht „die Freundin“ im europäischen Sinne gibt, eine Heirat aber gleichzeitig eine teure Angelegenheit ist, die Mann sich erst spät leisten kann (Hintergrund: Beziehung und Heirat). Wer dann trotz des „verlockenden“ Angebots der Damen nicht schwach wird, wird mitunter mit unlauteren Mitteln unter Druck gesetzt. Wie wäre es z.B. mit einer Beschwerde beim Hotelmanager über den unfreundlichen Angestellten, den miesen Service oder eine Belästigung durch Hotelpersonal? Wer an seinem Job hängt, steht vor einer schwierigen Situation. Wenn Aufrichtigkeit, Religiösität und gesellschaftliche Werte den Job kosten können ist es offensichtlich, hier liegt ein Problem vor.
Das Problem beschränkt sich aber nicht auf das ägyptische Hotelpersonal, sondern fällt auch auf die touristische Allgemeinheit zurück.
Was für ein Bild von Europa (Hintergrund: Europa) wird hier geschaffen? „Wenn schon die alten Omas mit mir in die Kiste hüpfen wollen, dann wird das knackige junge Ding mit Minirock sicher nur auf mich warten.“ Kann man einen solchen Gedankengang verübeln? Eigentlich nicht, aber er führt zu einigen Unannehmlichkeiten für alle (jüngeren) Frauen, die einfach nur einen entspannenden Urlaub am Roten Meer oder im Hotel der Wahl in Luxor und Assuan verbringen möchten.
Der zweite große Problembereich lässt sich als „Banana Island Syndrom“ zusammenfassen. Er fokussiert sich sehr stark auf Luxor und Assuan.
Darunter verstehe ich den Sextourismus von schwulen Europäern fast aller Altersklassen, die nach Ägypten reisen, um ein Wenig Spaß zu haben, nur dass dabei weniger an Badeurlaub und „Steine gucken“, als an bestenfalls knapp bekleidete Felukkaboys gedacht wird.
Die betroffene Gruppe auf ägyptischer Seite ist vom Alter her ähnlich der Rentnerzielgruppe, fährt mit Vorliebe Felukka oder Motorboot nach „Banana Island“, lenkt eine Kalesche bzw. steht ihren Mann auf dem Bazar. Auch hier spielen wieder die zwei Schlüsselfaktoren Geld und späte Heirat (siehe Hintergrund: Arbeiten in Ägypten, Beziehung und Heirat) eine bedeutende Rolle. Für den männlichen Touristen, der ohne Reisegruppe umherzieht, ergibt sich eine ähnliche Situation wie für die zuvor erwähnten Frauen, die einen entspannenden Urlaub verbringen möchten. Zum Einen ist er allein unterwegs, also auf der Suche nach dem schnellen Vergnügen, zum anderen ist er Europäer (Hintergrund: Europa). Als Konsequenz daraus ergeben sich unzählige, oft sehr eindeutige Aufforderungen zum Sex. Wenn im Laufe eines ganz normalen Gespräches beim Gegenüber plötzlich ein ausdauernder Juckreiz zwischen den Beinen einsetzt, der unbedingt durch ausdauerndes Reiben gelindert werden muss, so handelt es sich vermutlich weniger um einen bösen Zufall als um ausgeklügeltes Geschäftsgebaren. Für begriffsstutzige Europäer tut es auch ein kurzes „You like nubian banana?“ oder ein etwas präziseres „Fuck me!“.
Aus dem „Banana Island Syndrom“ entstehen für den Normal-Individual-Touristen zwar einige nervige und teils unangenehme Situationen (plötzlich fallende Hosen oder vom Wind verwehte Galabijas), die wirklichen Probleme treffen aber die Ägypter. Es sagt schon viel aus, wenn der Rote Halbmond (Pendant zum Roten Kreuz) im Bereich der Fähre in Luxor kostenlose und anonyme Aidstests anbietet, obwohl diese europäische Krankheit offiziell in Ägypten nicht vorhanden ist. Da gesundheitliche Aufklärung bezüglich Aids nicht stattfindet (Hintergrund: Aufklärung und Aids), möchte man das Ergebnis der Testaktion vermutlich gar nicht wissen.
Für den dritten Problemkomplex sind vor allem ältere Herren verantwortlich, die ihren pädophilen Trieb in Europa nicht ausleben können und deshalb (auch Einfachheit halber) nach Ägypten ausweichen. Auch hier fokussiert sich das Problem im Niltal, ganz besonders ist die fährnahe Westbank in Luxor betroffen.
Diese Problem unterscheidet sich stark von den zuvor beschriebenen Problemen, da hier ganz klar ein Straftäter „exportiert“ wird. Die beschriebenen Personen mieten sich in Appartements ein, wo sie dann regelmäßig von Kindern „besucht“ werden, die im Gegenzug Geld erhalten.
Die Probleme liegen auf der Hand und sind die Gleichen wie in Europa. Hinzu kommt erneut das Bild von Europa, welches dieser heranwachsenden Generation eingebrannt wird.
Wie wir gesehen haben, gibt es Probleme, die dringend angegangen werden müssen.
Was können die Ägypter tun?
Es kristallisiert sich schnell heraus, dass eine Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, soziale Absicherung und höhere Löhne das Problem an der Wurzel packen würden. Bei allen Fällen der Prostitution geht es vor allem um’s schnelle Geld, so dass man durch höhere und geregelte Einkommen in „normalen“ Berufen großen Einfluss nehmen könnte.
Ein weiterer Punkt wäre sicherlich, die gesellschaftlichen Regeln bezüglich Beziehungen und Heirat zu überdenken. Dieser Prozess wird langsam ablaufen müssen, denn nicht alles, was in Europa möglich und normal ist kann und sollte von heute auf morgen so übernommen werden. Das Umfeld ist dafür einfach zu verschieden, man denke nur an die Geburtenexplosion, die durch eine Erlaubnis der Beziehung vor der Ehe verursacht werden würde, da wie bereits erwähnt keinerlei Aufklärung stattfindet bzw. das Geld für sowieso nicht verfügbare Verhütungsmittel fehlt. Es gilt, einen guten Weg zu finden, der Neuerungen in das gesellschaftliche Regelwerk integriert, ohne gleich sämtliche haltgebenden Traditionen und Werte zu verdrängen.
Im Bereich des Kindermissbrauchs ist ein Lösungsansatz etwas einfacher, hier darf die Gesellschaft nicht länger wegschauen, sondern muss hart durchgreifen. Dies scheint in letzter Zeit immer mehr ins Bewusstsein vieler Ägypter in den betroffenen Gebieten zu drängen, so dass z.T. schon mitten in der Nacht ältere Herren samt Hab und Gut aus ihren Appartements geflogen sind, der junge Besuch gleich hinterher. Hinzu kommt, dass die Polizei hart mit Ausweisung und lebenslangem Landesverweis vorgeht, falls aussagekräftige Beweise vorliegen, die die Ausweisung eines Touristen auch in der weltweiten Presse begründen können. Hier ist wieder die Unterstützung der Gesellschaft gefragt, die über Hinweise nicht stillschweigend hinwegsehen darf.
Ebenso bedeutend ist die Frage, was wir als Touristen tun können.
Zu aller erst dürfen wir nie vergessen, dass wir immer und jederzeit Botschafter Europas sind.
Angeben mit diversen Affären und Liebschaften ist, wie knappe Minirockbekleidung, absolut fehl am Platze, da es den Eindruck des sexgeilen Europas (Hintergrund: Europa) weiter verstärkt. Wer die Dienste eines Felukkaboy freudig in Anspruch nimmt oder den Hotelbediensteten unter Druck setzt, handelt nicht nur unmoralisch, da er die wirtschaftliche und soziale Situation (Hintergrund: Arbeiten in Ägypten) eiskalt ausnutzt, sondern auch unverantwortlich, da er ein Bild von Europa zeichnet, welches letztendlich auch unseren Sicherheitsinteressen stark zuwider läuft.
Auch in Ägypten heißt es deshalb, sich verantwortungsbewusst und situationsgerecht zu verhalten, um ein Bild der wahren Werte unseres Kulturkreises zu zeichnen. Dazu sollten eher Freiheit, soziale Verantwortung, Toleranz und Respekt als Sitten-, Zügel-, Charakter- und Verantwortungslosigkeit zählen.
Hintergrund: Europa
In den Augen vieler Ägypter ist Europa der Kontinent der wirtschaftlichen Prosperität und des allgemeinen persönlichen Reichtums. Die Menschen verdienen selbst bei den einfachsten Arbeiten Summen, die für ägyptische Verhältnisse kaum vorstellbar sind (vgl. Hintergrund: Arbeiten in Ägypten). Arbeitslosigkeit ist nicht vorhanden. Das die Lebenshaltungskosten in Europa wesentlich höher als in Ägypten sind und damit die Löhne wieder relativieren, wird entweder nicht verstanden oder verdrängt.
Gleichzeitig ärgern sich viele Ägypter über die zügellosen und freizügigen Europäer, deren gesamtes Leben wie ein einziger Pornofilm erscheint. Sex vor der Ehe, täglich wechselnde Freundinnen, nach Möglichkeit mehrere gleichzeitig und vielleicht noch ein „Boyfriend“ nebenbei scheinen in Europa alltäglich zu sein, eine Ansicht, die besonders bei der jungen Generation weit verbreitet scheint. In wie weit sich daraus die Wünsche dieser Generation ablesen lassen ist sicher nicht ganz einfach zu beantworten.
Hintergrund: Arbeiten in Ägypten
Die Löhne in Ägypten liegen auf einem für Europäer kaum vorstellbaren Niveau. Ein Tempelwächter verdient um die 150 LE im Monat, ein Lehrer 230 LE und ein Polizist ca. 300 LE. Umgerechnet entspricht dies ca. 21€, 33€ bzw. 43€ pro Monat. In vielen Berufen wie auf dem Bazar, als Motorboot-, Felukken-, Kalesche- oder Taxifahrer gibt es überhaupt kein geregeltes Einkommen, besonders der Sommer stellt auf Grund der geringen Touristenzahlen ein Problem dar. Im Vergleich dazu verdient ein Felukkaboy schnell 150 LE in einer halben Stunde, wenn er den richtigen Fahrgast geladen hat.
Soziale Absicherung und Gesundheitsvorsorge sind überlastet und komplett unzureichend, eine Rente bekommen nur Staatsbedienstete, der Hauptgrund, warum Jobs bei der Bahn, der Polizei oder als Tempelwächter so begehrt sind.
Berücksichtigt werden muss aber, dass viele Familien ein Stück Land besitzen, auf dem sie zumindest einige Grundnahrungsmittel anbauen.
Komplett unterscheidet sich das Leben der ägyptischen Oberschicht, welches aber für die angesprochene Problematik keine Rolle spielt.
Hintergrund: Beziehung und Heirat
Eine Beziehung zwischen Mann und Frau bzw. heranwachsenden Teenagern vor einer möglichen Heirat gibt es nicht, da gesellschaftliche Normen dies verbieten. Vorehelicher Sex unter Ägyptern ist dementsprechend praktisch nicht möglich, auch wenn von vereinzelten Ausnahmen auszugehen ist.
Inzwischen scheint es zumindest in Luxor auch junge Prostituierte zu geben, die ihre Dienste einer jungen ägyptischen Zielgruppe anbieten. Ob und in wie weit dies wirklich der Fall ist, ist jedoch schwer zu beurteilen.
Homosexuelle Partnerschaften werden nicht akzeptiert, sind aber im Verborgenen durchaus vorhanden.
Eine Heirat ist extrem teuer und aufwändig, da Mann ein Haus besitzen und eine Mitgift (u.a. Gold) anschaffen muss. Aus diesem Grunde finden die Hochzeiten erst viel später statt, als dies vielleicht auf Grund der sonstigen gesellschaftlichen Regeln gewünscht wäre.
In den westlich geprägten Metropolen wie Kairo oder Alexandria weicht die Situation teils erheblich vom hier beschriebenen Regelfall ab.
Hintergrund: Aufklärung und Aids
Aids wird von großen Teilen der Bevölkerung als typisch westliche Krankheit angesehen, vielleicht auch als gerechte Strafe für den „europäischen“ Lebenswandel (vgl. Hintergrund: Europa). Eine Aufklärung über Sexualität, aber auch im Besonderen über das HIV-Virus und Ansteckungsmöglichkeiten findet keinesfalls flächendeckend, höchstens in Einzelfällen statt.
Ansichten, wie dass man mit ein paar Medikamenten nach einer HIV-Infektion wieder gesund würde, oder dass Allah mit helfender Hand eingreifen würde sind dementsprechend weit unter den Menschen verbreitet, denen der Begriff „Aids“ überhaupt bekannt ist.
Das „Joint United Nations Programme on HIV/AIDS“ (www.unaids.org) vermeldet 12.000 HIV-Infizierte in Ägypten, Stand Ende 2003. Im Laufe des Jahres 2003 sind nach Auskunft der gleichen Quelle 700 Menschen an Aids gestorben. Wie zuverlässig diese Zahlen sind sei dahin gestellt, die Dunkelziffer wird sicher wesentlich höher liegen.