Schlimmer ist es allerdings noch, wenn jemand überhaupt nicht auf die idee kommt, es könne etwas erfundenes in diesem roman stehen.
Ein sehr wichtiger Hinweis!
Und da liegt ein mächtiges Problem! Auch der Wohlinformierte stößt ganz unweigerlich an seine Grenzen, und das recht schnell. Immerhin fabuliert Jacq über die Breite von fünf Buchrücken über seinen Betrachtungsgegenstand; da kommen tausende von Details zusammen und hunderte von Namen. Hier Dichtung von Wahrheit konsequent unterscheiden zu wollen, gelingt wohl nur noch DEM akademisch Vorgebildeten, dessen Hauptaugenmerk professionell auf Ramses liegt. Und wenn sich dann noch faktenmäßig buchstäblich der Boden unter den mentalen Füßen bewegt, schleudern selbst ambitionierte Laien schon kurz nach dem Vorwort.
So fand ich z.B. Jacqs Idee, Menelaos und Homer selbst an Ramses' Hof auftauchen zu lassen, sehr, sehr hübsch.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Ramses sowohl von "Troja", als aber auch von Menelaos GEWUSST haben; immerhin lag Troja durchaus in ägyptischem Zugriff und war auch wohl sogar Handelspartner. Irgendwo las ich einmal, kurz vor dem Angriff auf Troja hätte nachts ein Seitentürchen gequietscht und auf Zehenspitzen hätte sich im Dunkel der Nacht der offizielle ägyptische Gesandte vom Acker gemacht. Meines persönlichen Erachtens hat Jacq "seinen" Ramses mit Menelaos und Homer nur geschmückt. Nichts deutete daraufhin, daß man diese Szene in der archäologischen Wirklichkeit wiederfinden könnte.
Die Annahme, Ramses hätte sich kraft seiner eigenen Lenden um 500 Söhne gekümmert, dient auch nach meiner Ansicht eher als Option für angesoffene Ägyptologen freitag abends in der Kneipe ("Ey Tusse! Ramses hatte 500 Söhne und ich will so sein wie er. Komm lass uns nach nebenan gehn, ich will keine Zeit verschwenden.")
Hier hat das Schlitzohr auf dem Pharaonenthron publizistisch hochwirksam und psychologisch genial per Ernennung einfach "nur" zwei Fliegen mit einer Klatsche erwischt: die diesbezüglich unglückliche Nefertari war nachgerade "entlastet" und eine verschworene Elitegarde durch direkten Bezug auf den Palast unzertrennlich geschmiedet. Ramses hatte dadurch jederzeit ungehinderten Informationsfluß über potenziell interessante Spitzensoldaten und hätte daraus konkret seine Nachfolge regeln können. Ihm mag da seine eigene Geschichte erinnerlich und bedeutsam gewesen sein; man weiß zwar immer noch nicht, wie das zustande kam, er selbst aber war kraft seiner Geburt eigentlich (!) gar nicht für den Thron vorgesehen. Wahrscheinlich wurde er erst durch die Zurschaustellung und Entwicklung außergewöhnlicher Fähigkeiten und anderer Leistungsmerkmale zum Kandidaten, mit Sicherheit aber hat er in jungen Jahren Zeit und Gelegenheit genug zu Bildung und Training gehabt. Und wie wir aus dem Studium seiner Majestät selbst wissen, muß das Gerücht über seine außergewöhnlich große und starke Statur bestätigt werden.
Zum Thema "pyramidonaler Kräfte" bleibt für mich abschließend nur noch eine Anzahl schnodderiger Anmerkungen zu machen. Alle diese Thesen dienen nicht dem Wissens- sondern nur dem Guthabenzuwachs und haben keine andere Funktion als die, aufrichtigen Forschern Stöcke zwischen die Beine zu werfen und viel Nerven, Geld und Geduld zu kosten. Die Autoren schöpfen aus einem wachsenden Potenzial aus Unwissenheit und nutzen das Stigma der Unbequemlichkeit eigener, buchstäblich erschöpfender Recherche schamlos aus. Dazu kommt, dass die Menschen wieder glauben wollen, nicht umsonst flüchten sie in Massen aus den "regulären" Kirchen und frequentieren seltsamste Sekten bis hin zum geradezu widerlichsten Okkultismus. Was käme da gelegener als ein grünes Männlein oder prickelnde Strahlen .... ?
Gruß
Nebtaui .... der sich manchmal am liebsten aufführte wie einst Jesus im Tempel!
