Beitragvon nebtaui » Sa 09 Okt, 2004 20:28
Salam, ihr drei!
Einführend möchte ich noch einmal etwas sehr deutlich machen: mir ist Ägypten WESENTLICH mehr als "nur" Urlaub, "nur" Orient. Mir ist es Passion und leidenschaftlich genug, daß ich allen Ernstes sage: Ägypten, das ist die einzige Geliebte, mit der mich meine Frau teilen muß.
Ihr habt alle drei recht.
Mike und Jo, ihr klagt völlig zu recht das Veständnis für die arabisch / islamisch geprägte Mentalität des Landes ein. Britt, du hast ein absolutes Recht auf einen unbeschwerten Urlaub.
Und da stehen wir vier also nun und wissen nicht weiter.
"Schuld" an dieser Misere ist so recht eigentlich niemand. Auch nicht die ägyptische Regierung, die nach Kräften das Bild des "märchenhaften Orients" an die Reisegesellschaften und damit an die Urlauber verkauft. Sie ist bitter auf das Geld angewiesen. Wirklich bitter. Ohne die Einnahmen aus dem Tourismus würden, und das meine ich jetzt ganz ehrlich, Hungersnöte ausbrechen und Menschen auf offenen Straßen sterben. Ägypten ist de facto ohne Tourismus nicht überlebensfähig.
Punkt.
"Schuld" ist aber auch die Reisegesellschaft nicht. Sie bekommt von der Regierung ein sicheres und romantisches Reiseziel angeboten und das Bettenkontingent stimmt schließlich auch; sogar preislich.
"Schuld" ist demzufolge auch der Tourist nicht. Er kann, vielleicht muß er sogar?, den Zusagen der Reisegesellschaften (die diese ja aufgrund der Hinweise und Informationen der Regierung erstellen!) Glauben schenken und er hat auch ein Recht darauf.
"Schuld" ist aber auch der Ägypter nicht, der aufgrund der Entwicklung der letzten Jahren nicht mehr verstehen kann, was aus seinem Leben, aus seinem Land und aus seiner Religion wird.
Vielleicht ist es das globale Zeitgeschehen, was einen "Urlaub" im besten Sinne momentan in Ägypten noch verbietet oder doch verbieten SOLLTE. Wir leben in einer besonders schwierigen Zeit; Gefühle schlagen hoch und eine der namhaftesten Weltreligionen steht augenblicklich unter massivem Druck. Ägypten steht unter Druck, wir haben die letzten Ereignisse in Taba alle noch vor Augen. Völlig zu recht erwächst den Menschen im Orient derzeit ein Gefühl des: "Was wollt ihr eigentlich alle von uns?", da das Verständnis zwischen den Kulturen nicht nur nicht gefördert, sondern buchstäblich zerbombt wird. Von beiden Seiten!
Wir verstehen einander nicht.
Ich habe eine ganze Woche damit zugebracht, mich von einem gläubigen Ägypter in die äußere Peripherie seines Landes und seines Glaubens einführen zu lassen und heute weiß ich, daß ich zwar eine Menge an Grundlagen gelernt, aber eigentlich damals gar nichts begriffen habe.
Ich wiederhole in aller Deutlichkeit und Entschiedenheit: der deutsche Urlauber hat ein unwiderrufliches Recht auf einen unbeschwerten Urlaub für sein Geld. Er hat das vermaledeite Recht auf die Verwirklichung seines Traumes.
Nur ist das leider in Ägypten nicht möglich.
So einfach ist das.
Ich bin damals als (Hobby-) Ägyptologe nach Kairo geflogen und habe ein halbes Jahr vor Abflug buchstäblich schamhaft festgestellt, daß ich zwar in der Antike bewandert, aber hinsichtlich der Moderne vollkommen ahnungslos war. Nun konnte ich gottseidank auf gewisse Erfahrungen aus Tunesien zurückgreifen; trotzdem stellte ich in Ägypten fest, daß dieses Land noch um Einiges ursprünglicher, ja wilder ist.
Heute, ich gebe es zu, stehe ich selbst vergleichsweise kurz vor der Konvertierung. Ich habe neben dem Koran noch einiges anderes gelesen und mit den einschlägigen Ausführungen meines Kairener Lehrers und Freundes im Kopf glaube ich zumindest, den Löwenteil verstanden zu haben. Da ich aber "uns" Deutsche und Europäer kenne, von Geburt an kenne, bin ich der Verzweiflung näher als der Hoffnung.
Wo ich kann, werbe ich vehement um Geduld und Verständnis für das in Ägypten, was "uns" gemeinhin problematisch oder gar ablehnungswert erscheint. Die Qualitäten des Orients, speziell Ägyptens, liegen nicht in seinen Kulissen oder Steinhaufen in Form von Tempeln. Wenn ihr Ägypten kennenlernen wollt, so fasst euch ein Herz und geht ins Landesinnere. DA ist Ägypten. Es lebt außerhalb der Tourismuszentren, und wie es das tut! Es ist prall, es ist lecker, es kann soooo gut riechen und es hat ein förmlich entwaffnendes Lachen. Und all das kann es nur haben, weil es eben den Islam hat. Und dieser Islam ist uns fremd, viel zu fremd und hat "Nebenwirkungen", die wir in unserer Freiheitssucht nicht anerkennen (wollen). Aber das eine gibt es nicht ohne das andere.
Ich fürchte, die Feststellung, sich für einen "bequemen" Urlaub unter Palmen ein anderes Land suchen zu müssen, stimmt.
Schade. Lieber wäre mir gewesen, es wäre anders.
Vielleicht habe ich diese Anekdote woanders hier schon einmal erzählt, aber sie passt hier so schön hin:
An meinem letzten Tag in Kairo ging ich wie üblich am späten Abend in die Hotelbar, schlug mein Notizbuch auf, bekam meine gewohnte Cola und pinnte an meinen Reiseerinnerungen. Da stand von einem Hocker am Tresen eine junge Frau auf und fragte, ob sie sich vielleicht mit ihrem Mann zu mir setzen dürfe, sie hätten da ein paar Fragen. Ich nickte.
Ob ich den Weg zu den Pyramiden erklären könne. Ich nickte wiederum und berichtete; es ist ja auch vom Victoria-Hotel wirklich nicht schwierig. Metro-Station Midan Attaba liegt gleich um die Ecke, hin bis Cairo University (mag heute anders sein!) und von da entweder zu Fuß oder per Taxi weiter.
Zu meiner großen Verwunderung schaute ich in zwei leere Augenpaare. Ob ich sie denn icht führen könne, fragte die Frau. Ich lachte und sagte, selbst wenn ich wollte, ich hätte nicht gekonnt, immerhin ging mein Flug nur wenige Stunden später. Sie machten beide daraufhin einen sehr geknickten Eindruck und gestanden mir, daß sie sich seit geschlagenen vier Tagen nicht aus dem Hotel getraut hätten. Nach drei Wochen Hurghada im Vorjahr hätten sie Ägypten sehen wollen und hatten spontan Kairo gebucht. Kairo. In den letzten Tagen des Ramadan.
Wer das kennt weiß, daß zu diesem Zeitpunkt dort zu der dort sowieso vorhandenen Bevölkerung von ca. 17 Millionen Einwohnern noch einmal ungefähr fünf dazukommen und der kennt auch das überall vorhandene Gewusel, Getrommele und die übervollen Straßen und Gassen. Das machte auf die beiden einen wahrhaft bedrohlichen Eindruck.
Aber da war es: das pralle Ägypten!
Zu keiner anderen Zeit im Jahr präsentiert es sich für den tiefempfindenden Orientliebhaber besser, fröhlicher, bunter, ausgelassener als genau dann! Und sie hatten sich keinen einzigen Meter vor die Hoteltür getraut.
Und noch eine:
Eines Tages, ich hatte kein Programm und buchstäblich "frei", fuhr ich zum wiederholten Male zu den Pyramiden. Dort angekommen stellte ich fest, daß ich keine Zigaretten dabeihatte.
Ich also zu den Kameltreiber, Ägyptern mit denkbar schlechtem Ruf selbst unter Landsleuten, und rief ihnen schon von weitem zu, sie könnten mir zwar weder eine Tour noch ein Kamel verkaufen, wohl aber einige einzelne Zigaretten. Ich würde auch gut bezahlen. DAS war nicht ganz unbedenklich; immerhin sind eben diese Kameltreiber für üble Geschäfte, für Raub, Entführung und Betrug bestens bekannt. Der Anführer plinkerte mich höchst erstaunt an, sowas hatte er wohl noch nicht erlebt. Mit schrillem Ruf holte er ungefähr acht weitere Kollegen heran; alle befahlen ihre Kamele zu liegen, stiegen ab, setzten sich in einer Runde in den Sand und der Anführer bedeutete mir, ich möge mich in die Mitte setzen. "Ei!" dachte ich, "das entwickelt sich interessant."
Es hub ein großes Palaver an. Mir wurde jeder einzelne Treiber mit Namen vorgestellt, ich kriegte Banknoten aller Herren Länder zur Einschätzung des Wertes in Pfund in die Hand gedrückt und hatte meine große Not, ihnen den zu der Zeit bei uns herrschenden Schneefall zu erklären. Ich referierte über meine Familie, meine Kinder, meinen Job, erklärte, was ich eigentlich in Ägypten zu suchen hatte und bekam erzählt, daß der da, Mustafa, ein wirklich schlechter Muslim sei. Er würde seine Frau schlagen. Mustafa errötete.
Innerlich jauchzte ich! Da saß ich! Mit acht Kameltreibern im Sand vor den Pyramiden! Ohne, daß das jemand hätte organisieren oder gar bezahlen müssen oder gar KÖNNEN! Wir waren alle nur MENSCHEN und interessierten uns füreinander nach völlig selbstverständlicher, orientalischer, ägyptischer Art. Die ach so gefäääährlichen Kameltreiber und ich, der verrückte Qafar! Unterdessen waren wohl hunderte von Touristen an uns vorübergegangen und ich begann mich zu fragen, ob die Treiber den Verdienstausfall so locker wegstecken konnten. Die Passanten wie auch die (Kamel-) berittenen Polizisten linsten immer und immer wieder zu uns herüber, uns jedoch focht das nicht an, wir palaverten ungerührt weiter. Mt der Zeit hatte ich so einige Zigaretten von ihnen erhalten und geraucht; mit weiteren vier Stück in der Hemdtasche trennte ich mich wieder von ihnen. Ungern. Wirklich. Ich bin bis heute davon überzeugt, daß sie sich noch lange von dem "Verrückten Qafar" an ihren Feuern erzählt haben.
Bezahlt hatte ich keine einzige von den Zigaretten.
So kann Ägypten sein.
Ich liebe es.
Nebtaui
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